1.4.2026 - Selb könnte schon bald um weitere Besonderheiten reicher sein. Die Porzellanstadt will ihr Alleinstellungsmerkmal künftig deutlich offensiver und moderner in Szene setzen – mit mehr Porzellan im öffentlichen Raum, ungewöhnlichen Kunstobjekten, interaktiven Aktionen und zahlreichen neuen Fotomotiven.
Unter dem Titel „Selb hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“ stellte die renommierte Kreativagentur „Visions-Vase & Partner – Urbanes Storytelling“ dem Stadtrat ein umfangreiches Konzept vor, das Selb als kreative Porzellanstadt mit internationaler Strahlkraft positionieren soll. Ziel sei es, insbesondere jüngere Zielgruppen anzusprechen, die Innenstadt zu beleben und die Aufenthaltsqualität für Einheimische und Touristen gleichermaßen zu erhöhen.
Die Idee dahinter: Porzellan soll nicht länger nur in Vitrinen, Museen oder Werksverkäufen stattfinden, sondern sichtbar, humorvoll und überraschend im gesamten Stadtbild präsent sein.
Mehr Porzellan im öffentlichen Raum
Im Mittelpunkt der Überlegungen steht die Idee, Selb als „Instagram-Hauptstadt des weißen Goldes“ zu etablieren. Die Agentur argumentierte, dass klassische Tourismus-Hotspots wie über die Straßen gespannte Regenschirme, Lampions, Strickkunst oder Lichterinstallationen inzwischen in zahlreichen Städten zu finden seien. Selb könne dagegen mit seinem Porzellanbezug ein echtes Alleinstellungsmerkmal schaffen.
Agenturchef Malte-Sörensen Krahle warb in seiner Präsentation für einen bewussten Bruch mit traditionellen Darstellungen des Porzellans.
„Das klassische Bild des weißen Goldes in der Vitrine ist tot. Die Menschen wollen Interaktion, Selbstironie und das Unperfekte“, sagte Krahle vor den Stadträten. Selb solle nicht mehr
nur für die Herstellung von Porzellan stehen, sondern für den kreativen Umgang mit dessen Zerbrechlichkeit, Individualität und Geschichte.
Riesiger Schrank auf dem Kreisverkehr geplant
Eines der auffälligsten Projekte ist der sogenannte „Unvollständige Schrank“. Geplant ist eine überdimensionale Skulptur eines klassischen Küchenschranks auf dem Kreisverkehr am Bahnhof. Mehrere riesige Tassen, Teller und Untertassen sollen scheinbar aus dem Schrank herausbrechen und sich über den Kreisel hinweg verteilen.
Die Installation soll – wie schon mit der Teekanne am Kreisverkehr an der Autobahn - hier ein markantes Zeichen setzen und Besuchern sofort vermitteln, dass Selb anders ist als andere Städte.
Ergänzt werden könnte das Kunstwerk durch Beleuchtungseffekte und saisonale Dekorationen. Im Winter wären beispielsweise leuchtende Tassen denkbar, während im Sommer Blumen oder bepflanzte Scherbenmodule integriert werden könnten.
Flüchtige Tassen an Hauswänden und Straßenschildern
Ein weiteres zentrales Element des Konzepts sind die sogenannten „Flüchtigen Tassen“. Dabei handelt es sich um kleine Keramikfiguren in Form von Tassen mit Armen und Beinen.
Diese sollen scheinbar aus Schränken ausgebrochen sein und sich im gesamten Stadtgebiet verteilen: auf Hausfassaden, an Laternen, auf Straßenschildern, an Mauervorsprüngen
oder sogar aus Gullydeckeln herausblickend.
Die Figuren sollen zum Entdecken, Fotografieren und Teilen in sozialen Netzwerken anregen. Denkbar sei auch eine digitale Karte oder App, mit der Besucher die einzelnen Tassen sammeln können.
Scherben-Walk führt durch die Innenstadt
Um Besucher gezielt durch die Innenstadt zu führen, sieht das Konzept einen sogenannten „Scherben-Walk“ vor. Dabei würden im Zuge der geplanten Neugestaltung der Ludwigstraße in Gehwege und Porzellan-Mosaike eingelassen, die in Form von Tassen, Scherben oder stilisierten Fußspuren gestaltet sind.
Diese sollen zu Sehenswürdigkeiten, Geschäften, Gastronomiebetrieben und kulturellen Einrichtungen führen. An manchen Stellen würden bewusst Teile fehlen – passend zum Motto, dass eben „nicht mehr alle Tassen im Schrank“ seien.
Insbesondere für die Gastronomie könnte dies zusätzliche Laufkundschaft bringen, da Besucher automatisch durch zentrale Bereiche der Innenstadt gelenkt würden.
Der „Abgrund des Geschirrs“ als neuer Foto-Hotspot
Besonders großes Potenzial sieht die Agentur in großflächigen 3D-Bodenbildern. Eines der ersten Projekte soll unter dem Titel „Der Abgrund des Geschirrs“ in der Ludwigstraße entstehen.
Das Straßenbild täuscht einen riesigen, umstürzenden Schrank vor, aus dem tausende bunte Tassen, Teller und Kaffeekannen herausfallen. Besucher können sich so positionieren,dass es auf Fotos wirkt, als würden sie von den Porzellanteilen überrollt oder diese auffangen.
Der Schriftzug „Selb – nicht mehr alle Tassen im Schrank“ soll direkt in das Kunstwerk integriert werden.

Tassen statt Liebesschlösser
Ein weiterer Vorschlag sorgte im Stadtrat ebenfalls für Aufmerksamkeit: Statt Liebesschlössern an Brücken könnten in Selb künftig „Liebestassen“ aufgehängt werden. Paare könnten kleine Tassen, Henkelbecher oder Miniatur-Untertassen mit ihren Namen beschriften und an speziell dafür vorgesehenen Installationen befestigen.
Diskutiert wurde dabei unter anderem eine große Metallskulptur in Herzform oder ein „Tassenbaum“, an dem hunderte kleine Tassen hängen.
Nach Vorstellung der Agentur könnte sich daraus über die Jahre eine der größten öffentlich zugänglichen Tassensammlungen Europas entwickeln.
Selb will größten Tassen-Weltrekord der Welt
Besonders ambitioniert ist dabei die Idee eines Weltrekordversuchs. Die Stadt könnte Bürgerinnen und Bürger als auch Besucher der Stadt dazu aufrufen, Tassen zu spenden, die sie „nicht mehr im Schrank haben wollen“.
Ziel wäre es, eine Installation mit mehreren zehntausend Tassen zu schaffen. Nach Einschätzung der Agentur wäre Selb damit in der Lage, bisherige Rekorde deutlich zu übertreffen.
Sollte jeder Einwohner nur fünf Tassen spenden, könnten theoretisch mehr als 70.000 Stück zusammenkommen.
Die Tassen, die für den Rekord allerdings alle unterschiedlich sein müssen, könnten anschließend an Fassaden, Wänden, Regalen oder eigens geschaffenen Kunstwerken befestigt werden. Vorgeschlagen wurde etwa eine komplette „Wand der verlorenen Tassen“ oder ein „Schrank der vergessenen Einzelstücke“.
Klingendes Porzellan
Ein weiteres mögliches Wahrzeichen könnte die sogenannte „Klangwand aus Porzellan“ werden. Vorgesehen ist eine großflächige Installation aus hunderten hängenden Tassen, Tellern, Schalen und Scherben, die sich im Wind bewegen und dabei unterschiedliche Geräusche erzeugen. Da Porzellan einen besonders hellen und klaren Klang besitzt, könnte so eine Art „Sinfonie des Wahnsinns“ entstehen. Je nach Wetterlage und Anordnung der Stücke würde sich die Klangkulisse immer wieder verändern. Die Installation könnte damit nicht nur optisch, sondern zusätzlich zum Porzellanglockenspiel am Rathaus auch akustisch zu einem markanten Erkennungszeichen der Stadt werden.
Wutwand und Interaktionen
Ein weiterer Teil des Konzepts setzt auf Interaktion und Mitmachen. So wurde eine „Wutwand“ vorgeschlagen, an der Bürger und Besucher unter kontrollierten Bedingungen Porzellan-Scherben anbringen oder eigene beschädigte Tassen verewigen können.
Ergänzend dazu könnte ein sogenanntes „Scherben-Orakel“ entstehen – eine Brunnenanlage, in die statt Münzen kleine Scherben geworfen werden. Wer ein bestimmtes Feld trifft,
dem soll symbolisch Glück beschieden sein.
Die gesammelten Scherben könnten später wiederum in Mosaikarbeiten für neue Projekte verwendet werden.
Tassen-Casting und Porzellan-Slam
Auch zahlreiche Veranstaltungen sind vorgesehen. So soll es ein jährliches „Tassen-Casting“ geben, bei dem die ungewöhnlichste, hässlichste, kurioseste oder kreativste Tasse gesucht wird. Die Sieger-Tasse könnte digital eingescannt und anschließend als überdimensionale Skulptur im Stadtpark aufgestellt werden.
Geplant sind außerdem ein Porzellan-Slam, bei dem Texte rund um Verrücktheit, Zerbrechlichkeit und Individualität vorgetragen werden, sowie eine „Nacht der verlorenen Untertassen“mit Lichtinstallationen, Musik und Projektionen im öffentlichen Raum.
Ebenfalls im Gespräch ist ein kontrollierter Scherben-Flashmob, bei dem Ausschussware zertrümmert und anschließend gemeinsam in neue Kunstwerke verwandelt wird.
Cafés und Gastronomie sollen profitieren
Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf Gastronomie und Innenstadtbelebung. Vorgesehen ist unter anderem das Konzept des „Unvollständigen Gedecks“.
Cafés und Restaurants könnten Kaffee in bewusst nicht zusammenpassenden Tassen und Untertassen servieren. Wer zufällig doch ein vollständig passendes Set erhält, könnte das
Getränk gratis bekommen. Geplant sind darüber hinaus Tassen-Tausch-Stationen, offene Schränke in der Innenstadt, ein Pop-up-Dinner mit mitgebrachtem Geschirr sowie eine „Verrückte Teeparty“ nach dem Vorbild von „Alice im Wunderland“.
Auch Merchandising-Ideen wurden vorgestellt – etwa schiefe Tassen, bewusst unperfekte Becher, Untersetzer mit Rissen oder Tassen mit glasierten Macken.
Digitale Schnitzeljagd per App
Um insbesondere jüngere Zielgruppen anzusprechen, soll das Projekt auch digital begleitet werden. Geplant ist eine App mit Augmented-Reality-Funktionen. Besucher könnten damit virtuelle Tassen in der Stadt suchen, sammeln und an bestimmten Orten freischalten. Wer alle „entlaufenen Tassen“ findet, könnte beispielsweise eine Belohnung erhalten.
Ähnliches sieht die sogenannte „Porzellan-Safari“ vor. Dabei sollen in der gesamten Stadt und im Umland kleine Porzellanfiguren, Tassen oder Untertassen an ungewöhnlichen Ortenversteckt werden – etwa in Mauerritzen, unter Parkbänken, auf Fassaden oder sogar hoch oben in Bäumen. Über eine App können Besucher diese „Ausreißer-Tassen“ suchen und sammeln. Wer alle Stationen erfolgreich absolviert, soll den Titel „Offiziell Tassen-los“ erhalten. Ergänzend sind eine Urkunde sowie Vergünstigungen beispielsweise in den Outlet Centern oder bei teilnehmenden Betrieben vorgesehen. Die Stadt verspricht sich davon vor allem einen zusätzlichen Anreiz, verschiedene Bereiche Selbs und des Umlands spielerisch zu entdecken.
Mehrheit im Stadtrat befürwortet Konzept
Das Motto „Selb hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“ stieß im Stadtrat insgesamt auf große Zustimmung. Viele Räte lobten die Mischung aus Humor, Selbstironie und kreativer Stadtentwicklung. Auch Oberbürgermeister Ulrich Pötzsch zeigte sich überzeugt, dass Selb mit einem solchen Projekt neue Aufmerksamkeit gewinnen könne. „Wir geben der Welt einen Grund, über uns zu sprechen, zu lachen und ihre Fotos bei uns zu machen. Wenn wir als Stadt schon den Ruf haben, ein bisschen verrückt nach Porzellan zu sein, dann stehen wir jetzt eben dazu – und zwar mit Stolz“, sagte Pötzsch.
Der Stadtrat gab grünes Licht für die erste Phase des Projekts. Nach Angaben der Verwaltung ist eine große Förderung über das EU-Programm „Crazy Ceramics“ vorgesehen. Schon bis zum anstehenden Porzellinerfest Anfang August soll nach Möglichkeit ein Teil des Konzeptes umgesetzt werden. Mit verschiedenen Aktionen sollen rund um die „Wochen des Weißen Goldes“ zugleich die zahlreichen Besucher mit in die Umsetzung von Porzellanobjekten eingebunden werden.
selb-live.de – Michael Sporer; Symbolfotos „Visions-Vase & Partner – Urbanes Storytelling“ KI-generiert


