25.2.2026 –Drei „Blitzlichter“ zur Kirchengeschichte von Selb – und das in nur 45 Minuten: das erwartete am Sonntag die rund 50 Teilnehmer der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Gemeinde Erkersreuth im Kirchenzentrum Bibel & Zwiebel/BuZ. Dekan Dr. Volker Pröbstl und die Pfarrer Thomas Fischer und Dr. Jürgen Henkel boten einen informativen wie vergnüglichen ökumenischen Streifzug durch die heimische Kirchengeschichte mittels einiger heiterer wie ernster Episoden, die bei vielen Appetit machten auf eine vertiefte Beschäftigung.
Thomas Fischer eröffnete den Reigen als Pfarrer der ältesten Kirchengemeinde vor Ort, auch wenn die Geschichte der katholischen Pfarrei durch die Reformation geraume Zeit unterbrochen war. Er hielt zu den kirchlichen Anfängen in Selb fest: „Selb erhielt 1477 bis 1482 eine spätgotische Pfarrkirche St. Marien. Sie stand dort, wo heute die evangelische Stadtkirche St. Andreas steht. Nach der Einführung der Reformation erlosch die Gemeinde 1528. Nach rund 340 Jahren Unterbrechung begann das katholische Leben in Selb wieder. Es wurde 1866 eine Expositur der Pfarrei Marktredwitz eingerichtet mit einem Betsaal in der heutigen Ludwigstraße 47.“
Bau und Abriss einer Kirche
Damit gab es auch wieder geistliche Betreuung für die Katholiken in Selb, so Fischer. „Der in Tirschenreuth geborene Johann Baptist Mehler wurde 1884 zum Priester geweiht und nach einigen Stellen als Aushilfspriester von Bischof Ignatius von Senestréy 1886 nach Selb entsandt. Nach dem großen Stadtbrand von 1856 beauftragte der Bischof von Regensburg Pfarrer Mehler mit der Errichtung einer Kirche. Diese wurde 1889 durch Bischof von Senestréy konsekriert und unter das Patronat des Heiligsten Herzens Jesu gestellt. Es war eine dreischiffige Basilika. In Zeitungsberichten hieß es ‚ein imposanter Bau im altchristlichen romanischen Stil‘.“
Diese am Sonntag auf Bildern zu sehende wunderschöne Kirche wurde allerdings 1958 wieder abgerissen und durch eine größere Kirche im Stil der Zeit ersetzt, was für ähnlichen Unmut in der Pfarrei sorgte wie der Umbau der evangelischen Kirche Zum Guten Hirten in Erkersreuth 1967. Pfarrer Fischer berichtete: „Hauptsächlich wegen der schlichten
Innengestaltung wurde mit Kirchenaustritten gedroht. Der Abriss der alten neuromanischen Kirche würde heute durch den Denkmalschutz sicher nicht mehr genehmigt werden.“
Im Jahr 1900 sei die Gemeinde Herz Jesu zur Pfarrei erhoben worden. 1951 entstand die Marienkirche in Erkersreuth. Mit zahlreichen historischen und aktuellen Bildern zeigte Pfarrer Fischer schließlich auch die jüngere katholische Entwicklung bis heute und den Bau weiterer Kirchen wie etwa der Heilig-Geist-Kirche 1962 und kirchlicher Gebäude auf.
Frühe Sympathien für die Reformation
Dekan Dr. Volker Pröbstl beleuchtete in seinem „Blitzlicht“ zunächst die Anfänge der Reformation in der Stadt und erläuterte: „Einzelne Priester sympathisierten mit den Gedanken der Reformation auch in Selb. Markgraf Georg von Bayreuth ließ im März 1528 die Reformation einführen. Kurz darauf wurde die Pfarrstelle mit Andreas von Thela, genannt Plechschmidt, besetzt. Er war ein überzeugter Anhänger Martin Luthers. Per Eid wurde er darauf verpflichtet, ‚das Wort Gottes rein und lauter zu lehren‘. Ein paar Jahre später wurden Marienbilder an den Wänden der Kirche übertüncht. Der Marienstatue wurde Szepter und Krone genommen. Der Taufstein bekam seinen Platz am Hauptaltar.“
Die Reform des Gottesdienstes sei der brandenburgisch-nürnbergischen Kirchenordnung gefolgt. Pröbstl verdeutlichte: „Man hat Gottesdienste mit oder ohne Kommunion unterschieden. Die Gottesdienstordnung orientierte sich an der lateinischen Messe, behielt auch manche lateinischen Stücke bei. Die Lieder, ein wesentliches Medium der Reformation, bestimmten den Gottesdienst.“
Rund hundert Jahre später wüteten laut Pröbstl im Dreißigjährigen Krieg kroatische Truppen unter der Bevölkerung. „Der zweite Pfarrer der Stadtkirche, Diakon Albinus, wurde erschossen, auch andere Vertreter der Gemeinde wie Kantor Georg Keßler.“ 1791 kamen die Preußen ins Fichtelgebirge. Der Dekan dazu: „Mit den Preußen kam nicht nur der schwarze Talar, sondern es kamen auch moderne Theologen. Friedlich Wilhelm Hagen hatte in Erlangen studiert und dort als außerplanmäßiger Professor gelehrt. Dann ging er nach Bayreuth als Schulleiter, schließlich kam er im Jahr 1802 nach Selb als zweiter Pfarrer – aus gesundheitlichen Gründen, wie es heißt, was für das Klima unserer Region spricht.“ Der Dekan spannte den Bogen über den Bau der Andreaskirche nach dem Stadtbrand von 1856 bis zum 20. Jahrhundert und berichtete auch von überzeugten Nazi-Pfarrern zu jener Zeit.
Was wurde aus Kronleuchter und Kanzel?
Ortspfarrer Dr. Jürgen Henkel schließlich sprach zum Thema „Evangelisch in Erkersreuth“. Er berichtete von der Gründung des Kirchenbauvereins 1910 über den Bau der Kirche Zum Guten Hirten 1928 und der Martin-Luther-Kirche 1967 in Selb-Plößberg bis zum umstrittenen Umbau des „Guten Hirten“ 1967 und der Sanierung von 2009 bis 2014 sowie dem Umbau der „Zwiebel“ zum Kirchenzentrum „BuZ“. Und Henkel hielt berichtete von „Kriminalfällen“, die noch der Recherche bedürften: „Wo ist der Kronleuchter aus der Kuppel 1967 geblieben? Was wurde aus der alten Kanzel mit den Prophetendarstellungen von Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel? Und wann kam der Gute Hirte überhaupt in der Kirche an die Altarwand? Auf frühen Bildern der Kirche fehlt er.“
Nach den kurzweiligen Vorträgen gab es als zweiten Teil der Fastenaktion wieder eingelegte Matjesfilets und Kartoffeln, vorbereitet von der stellvertretenden Vertrauensfrau Catrin Schlott, Gisela Uhl und Hildegard Schlott. Bei Tisch konnte das Gehörte vertieft werden.
selb-live.de – Presseinfo