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wgg selb 0318313.3.2018 - Eine Grippe kann jeder bekommen, aber eine Depression, die bekommen immer nur die anderen. Um Trugschlüsse wie diesen ging es im Atrium des Walter-Gropius-Gymnasiums im Rahmen einer Podiumsdiskussion, zu der der Schulpsychologe des WGG, Norbert Rohn, Gäste eingeladen hatte,

die fachlich fundiert und offen über das Thema „Psychische Belastungen bei Erwachsenen“ sprachen, Lösungsansätze boten, aber auch auf die Komplexität und die Folgen dieser Diagnose hinwiesen. Die Veranstaltung fand im Rahmen eines langfristig angelegten Präventivprogramms statt, in das die ganze Schulfamilie des WGG eingebunden wird und dessen Aktionen bis zum Ende dieses Schuljahres andauern werden.

Anlass der Diskussion war die Lesung der Kinderbuchautorin Claudia Gliemann am Vormittag, die den 5. Klassen des Gymnasiums ihr preisgekröntes Buch „Papas Seele hat Schnupfen“ vorstellte. In diesem Buch wird aus Sicht seiner Tochter die Geschichte eines Familienvaters erzählt, der im Lauf der Zeit dem Druck in seinem Beruf nicht mehr standhalten kann und erst wieder lernen und verstehen muss, wie sich Fröhlichkeit anfühlt. Ebenso wird dargestellt, wie sich Nele, die Tochter der Familie fühlt, als sie die Entwicklung ihres Vaters mitverfolgt. Unterlegt mit selbst geschriebenen Liedern und den Zeichnungen aus dem Buch brachte Claudia Gliemann den Schülern am Morgen und den Besuchern der Podiumsdiskussion am Abend die Geschichte der Zirkusfamilie Santini nahe; während die Kinder im Lauf des Vormittags mit Nele mitfieberten und ihr in selbstgeschriebenen Briefen Mut zusprachen, diente das Buch am Abend als Ausgangspunkt für eine angeregte und einen weiten Bogen spannende Gesprächsrunde, zu der sich im Gymnasium fachlich äußerst bewanderte Gäste eingefunden hatten: neben der Buchautorin begrüßte Direktorin Tabea-Stephanie Amtmann die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Anja Franke aus Selb, den ärztlichen Direktor der Bezirksklinik Rehau, Dr. Lothar Franz, und die Vorsitzende des Vereins der Angehörigen psychisch Kranker, Heidi Popp. Moderiert von Norbert Rohn und ausgehend vom Fall des Familienvaters diskutierten die Teilnehmer der Runde zunächst die Frage nach den Ursachen für eine psychische Erkrankung bei Erwachsenen. Dr. Franz wies darauf hin, dass der Ansatz, hauptsächlich innere (endogene) Faktoren seien verantwortlich, inzwischen überholt ist, auch äußere Ursachen können eine große Rolle spielen. Doch die werden gerade von Erwachsenen oft beiseitegeschoben, nicht zuletzt, weil der Ausfall eines Familienmitglieds mit wirtschaftlichen und finanziellen Nachteilen verbunden sein könnte, die die wenigsten in Kauf nehmen möchten oder können. Für Kinder ist es primär von Bedeutung, ein positives Bild der Eltern aufrecht zu erhalten, doch im Fall einer psychischen Belastung wird dieses Bild gestört; damit es nicht gänzlich zerstört wird, muss ein Patient im Lauf seiner Behandlung nach Ansicht der Experten den Kindern wieder entgegen kommen.

Im weiteren Verlauf wurde auch die Frage erörtert, welche Rolle Familienangehörige, aber auch Personen außerhalb der Familie bei der Behandlung der Krankheit spielen können. Alle Beteiligten waren sich einig, dass ihre Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Von großer Bedeutung ist allerdings das richtige Verhältnis der Beziehung zu Fachleuten, Ärzten, Ehrenamtlichen und Verwandten – agieren sie gemeinsam zum Nutzen des Patienten, kann dieses Zusammenspiel sehr positiv auf den Verlauf der Krankheit wirken. Hilfen können kurzfristig Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen bieten, mittel- und langfristig muss ein Patient allerdings sein Leben verändern und sich selbst besser einschätzen und kennen lernen. Dies ist möglich, weil die Entwicklung der Persönlichkeit nie vollkommen abgeschlossen ist. Wird die Krankheit akzeptiert, kann diese Einstellung zu einer neuen Lebensqualität beitragen. Dies gilt auch für Angehörige und Helfer, sie brauchen genauso wie die Patienten Unterstützung und ein sicheres Umfeld, um nicht selbst mit Problemen kämpfen zu müssen. Immer wieder verwiesen die Teilnehmer der Diskussion dabei auf die Figuren aus dem Buch, deren Geschichten und Lebenssituationen als sehr realistisch eingeschätzt wurden.

Am Beispiel des Vaters erläuterte Dr. Franz die Varianten einer Depression. Neles Vater wird als eher ruhig und zurückgezogen beschrieben; viele andere Männer zeigen eher eine aggressive Haltung und verdrängen die Möglichkeit einer Erkrankung, Frauen zeigten sich hier offener. Daher seien vor allem für männliche Patienten Kinder eine wichtige Quelle der Unterstützung. Viele Männer, die dem Druck irgendwann nicht mehr standhalten, seien suizidgefährdet, so Dr. Franz, die Unterstützung durch ihre Familien könne diesem schlimmsten anzunehmenden Fall deutlich entgegen wirken. Die Angehörigen hätten heute viele Möglichkeiten, sich über das Internet zu informieren, ergänzte Heidi Popp, eine bedeutende Rolle spielen aber auch Angehörigengruppen. Neben dem Zugang zu Informationen falle es in solchen Gruppen auch leichter, die eigenen Emotionen und Schuldgefühle zu akzeptieren und anzusprechen, was wiederum eine Erleichterung für die Familienmitglieder darstelle. Denn auch sie müssten lernen, wie mit einer psychischen Erkrankung umzugehen ist; besonders, wenn der Verdacht zum ersten Mal aufkommt, sei man versucht, selbst und ohne Unterstützung von außen dagegen anzugehen. Frühwarnzeichen würden nicht erkannt oder ignoriert, was letztlich beiden Seiten schade.

Zum Ende der Diskussion gingen die Experten auf Möglichkeiten ein, wie das Risiko einer psychischen Erkrankung zumindest so gering wie möglich gehalten werden kann und auf die Frage, ob eine psychische Erkrankung vielleicht auch eine Chance sein kann. Dr. Franz wies auf die Erfahrung hin, dass das Leben nach dem Eingeständnis, betroffen zu sein, auch intensiver werden kann. Im Kindesalter sollten Spaß und Spiel nicht unterbunden werden, so Anja Franke, Hobbies und aktive Beschäftigung seien von großer Bedeutung für eine positive Entwicklung, auch für Erwachsene. Schulkinder sollten nicht immer nur nach ihren Leistungen gemessen werden, am Ende des Tages sollten die positiven Erlebnisse und Erfahrungen in den Vordergrund gestellt werden, lautete das Fazit ihrer Erfahrungen und Erkenntnisse, dem sich alle Diskussionsteilnehmer vorbehaltlos anschlossen.

Die Besucher der Diskussion dankten den Experten für die zahlreichen Informationen und Einblicke in diese ansonsten eher durch Schweigen geprägte Welt mit großem Applaus und nutzten die Gelegenheit, in der Pausenhalle des Gymnasiums in persönliche Gespräche mit den Teilnehmern zu kommen und sich außerdem über die Arbeiten des Psychologiekurses der Q11 zu informieren, die dieser in Vorbereitung auf das Thema des Abends gemeinsam mit Kursleiter Norbert Rohn erstellt hatte.         

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